Kinder, packt euren Koffer, die Roboter kommen!

Wenn ich heute an der Kasse stehe, begrüßt mich inzwischen ein Roboter. Im Rewe in Berlin Mitte scanne ich meine Artikel selbst, packe sie ein, zahle mit Karte. Ist kein Car2Go auf meinem Handy angezeigt, checke ich die nächste App oder weiche auf ein mobiles Fahrrad aus - und kaum zu Hause angekommen, rufe ich meinem Google Home Assistant zu, Spotify abzuspielen. “Gerne, Laura.” Das weiße, runde Ei ist immer für mich da - und hat dank künstlicher Intelligenz auch gleich weitere Vorschläge parat, welche Lieder mir gefallen könnten. Es ist kein Geheimnis und auch keine neue Erkenntnis, aber ich realisiere immer mehr, wie unser Leben zunehmend digital wird. Ich lese Artikel über Roboter die uns “die Jobs” klauen oder menschliche Intelligenz überholen. Viele sehen darin eine Bedrohung, die anderen eine Chance. Ich hingegen sehe eine ganz andere Herausforderung: Wenn Maschinen uns zunehmend die stupide Arbeit abnehmen, zwingt uns die unaufhaltsame Entwicklung der Technologien, dass wir uns selbst hinterfragen. Worin sind wir wirklich gut? Why are we here? Was wir in Zukunft brauchen, ist meiner Meinung nach nicht mehr DAS Studium oder DEN Beruf. Stattdessen sollten wir dringend was anderes finden.

Während früher das Prinzip “ich studiere Jura und werde Anwalt” funktionierte, gibt es den Job von morgen heute vielleicht noch nicht, genauso wenig wie vor 20 Jahren Instagram und Influencer. Und wie wird es in 20 weiteren Jahren sein? Um uns für die Zukunft zu wappnen, brauchen wir meiner Meinung nach nicht mehr “die Ausbildung”, sondern Werkzeuge, um im Flow zu bleiben. Techniken, mit denen wir kreativ bleiben, um uns stetig neu erfinden zu können und in jedem neuen Teich, unsere Fähigkeiten ausleben zu können. Dafür müssen wir aber wissen, worin wir gut sind. Nur wer sich selbst im Gleichgewicht findet, kann immer wieder neu reagieren und nachjustieren. Menschen, die den Bezug zu sich selbst verloren haben, sind gestresst, haben den Kopf voller Ängste und verlieren die Perspektive. Und vor lauter Panik gehen sie dorthin zurück, wo sie vermeintlich gut aufgehoben sind: in einem System, das die Miete zahlt, in dem das Glück womöglich auf halber Strecke bleibt, aber die Rentenversicherung dafür stimmt. Nicht zu hinterfragen, was wir wirklich lieben, war bisher extrem einfach - vor allem einem gut funktionierenden System geschuldet, das bis dato sicherlich auch seine Berechtigung hat. Wir gehen in die Schule, wir lernen für das Studium. Haben wir gute Noten, lockt die Karriere. Starten wir sie, arbeiten wir uns hoch, immer weiter, gründen eine Familie, gehen in Rente. Zeit nachzudenken hat man nicht. So zumindest ist mein Eindruck oft von denen, die bereits in dem Alter sind - und wenn ich Freunden Anfang 30 zuhöre, scheint dieses Konzept auch weiterhin zu bestehen. Obwohl viele was anderes machen wollen, scheint es schwer, Neues zu wagen.

Ich habe irgendwann angefangen aufzuschreiben, wann mir die besten Ideen kommen - mir also meinen kreativen Werkzeug-Koffer gebaut. Ganz klassisch: eine Liste auf dem Handy. Meine Tools, die darin unter anderem enthalten sind: Yoga, in der Natur spazieren gehen, in der Stille sein, aber auch beim Laufen oder wenn ich auf Networking Events gehe. All das tut mir gut, dort fühle ich mich glücklich und inspiriert. Und das wiederum gibt mir die Gelegenheit mich immer wieder neu zu erfinden und kreativ zu bleiben. Was in meinem Leben passiert und dass durchweg positive Erfahrungen sein müssen, ist erstens nicht mein Anspruch und könnte ich auch niemals garantieren. Aber allein dadurch die Bahn frei zu machen für unglaublich schöne Momente, die aus meinem Flow heraus entstanden sind, die mich zutiefst glücklich machen, ist jeden vermeintlich unangenehmen Moment wert. Das Leben wird aufregend, hält Möglichkeiten bereit, von denen man nie geträumt hätte und das alles, weil man das tut, was man liebt. Mit Dingen, die einem gut tun. Man selbst ist für dieses Glück verantwortlich.

Kürzlich habe ich bei meinen Großeltern ein Sterbebildchen gefunden. Auf dem schwarz-weiß-Bild war eine alte Frau zu sehen, tiefe Falten, starrer Blick. Unter dem Bild stand folgender Satz:

Müh' und Arbeit war dein Leben,
treu und fleißig deine Hand,
Ruhe hat dir Gott gegeben,
denn du hast sie nie gekannt.

Für den Fall, dass es einen lieben Gott gibt, habe ich ihm in diesem Moment ein Halleluja geschickt. Einen solchen Satz wird auf meinem Sterbebild niemals jemand lesen. Das habe ich mir vorgenommen. Stattdessen lieber fünf Tools, was mir zu einem erfüllten Leben geholfen haben. Selbst glücklich sein und dieses Gefühl auf andere zu übertragen - das kann kein Roboter abnehmen.


Übrigens, wer sich meine Theorie noch mal genauer durchlesen will. Hier steht sie.

FRÜHER

Ausgangslage:
Menschen wollen Wohlstand und arbeiten hart, um diesen zu erlangen. AI und Technik sind noch in den Kinderschuhen. Alles, was wir erreichen, wird vom Menschen ausgeführt. Arbeit befriedigt uns (Maslow’sche Bedürfnispyramide)
Modell I: Dieses Studium > führt zu diesem Job > führt zu diesem Leben (Sinn des Lebens: Arbeiten) <- genau das ist das Proble. Wir haben das Gefühl, keine Kontrolle zu haben. Laufen vorgegebene Wege. Kann ok sein, aber macht es glücklich einen Weg zu folgen, ohne eigene Wege zu erkunden, ohne die Gipfel am Horizont zu bewundern und zu sagen: Da will ich hin?
Folge: Menschen arbeiten immer mehr, ordnen sich dem System unter und haben keine Zeit mehr, ihre Kreativität auszuleben. Sie verlieren den Bezug zu sich selbst.

HEUTE


Ausgangslage: Technik schreitet vor. Viele Jobs, die der Mensch früher übernommen hat, führen Maschinen aus. Der Wohlstand steigt. Arbeit allein befriedigt uns nicht mehr - aber wir wissen auch nicht mehr wirklich, was uns gut tut, mit was wir kreativ werden, was für uns wirklich Sinn macht. Um sich von Maschinen abzugrenzen und eine neue Daseinsberechtigung zu haben, wird Kreativität wieder deutlich wichtiger.
Modell II: Diese Tools > halten mich in der Kreativität > damit ich mich immer wieder neu erfinden kann (Sinn des Lebens: Nicht mehr nur die Arbeit. Kreativität ausleben, Dinge ausleben, die unserer wahren Identität entsprechen.)
Folge: zurück zu unseren Talenten finden, unseren eigenen Sinn definieren, Spaß & Freude am kreativen Schaffen wieder entdecken. Tools durch austesten und Selbstreflektion finden, die uns dabei helfen - und in einen Koffer packen, den wir in unserem Leben mit uns mittragen.