Nächstes Level: Sinn des Lebens?

Gestern auf der Yogamatte habe ich meine Finger in den Boden gekrallt. Mir war heiß, aber ich schwitze nicht. Ich glühte innerlich, wie ein Ofen, kurz vorm Explodieren. Keine geringere Frage als die nach dem Sinn des Lebens trieb mich um. Sie hämmerte an meine Schläfen. Bei jeder herabschauenden Bewegung wurde mir schlechter. Es war nicht das erste mal. Ich frage mich oft, warum sind wir hier. Gestern war der Gedanke besonders laut. Was machen wir auf der Welt? Was ist genau unsere Aufgabe? Je mehr ich mir diese Frage stelle, desto trivialer erscheint alles andere. Große Häuser, dicke Autos, teure Klamotten, der nächste Hype um irgendeine Marke, die effektivste Diät. Was soll das alles - und warum erschaffen wir Menschen uns damit etwas, was uns mehr geiselt als befreit? Was uns aufhält statt weiterbringt? Warum üben wir Jobs aus, die wir ausüben? Warum kreieren wir Dinge wie Plastik, die unsere Umwelt am Ende zerstören? Das Streben nach Konsum dominiert uns.

Ich laufe durch die Straßen Berlins, sehe Hochhäuser, Reklame, Verkehr, Menschen, die auf ihre Handys starren und wie ferngesteuert durch die Welt laufen. Menschen, die komplett in ihrem Ego gefangen sind. Ich will mich da nicht ausschließen. Warum sehnen wir uns ständig nach neuen Reizen anstatt mit dem Status Quo zufrieden zu sein? Wir handeln, weil wir denken, wir müssen, weil es alle so machen, weil man es eben so gelernt hat. Wie primitive Affen. 

Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn gleichzeitig sind wir Menschen so komplex. Die Natur ist so ausgeklügelt. Wir sind in der Lage, brillante Dinge zu erschaffen, kreativ zu sein, empathisch. Wir können uns verlieben und durch emotionale Bindungen ein Feuerwerk kreieren, neues Leben schaffen. Unser Körper ist wie das raffinierteste und feinst aufeinander abgestimmteste Instrument, das es gibt. Wie passt das zusammen? Warum ist der Mensch auf der einen Seite in der Lage, solche Wunder zu vollbringen und auf der anderen Seite, weiter weg von sich selbst als jemals zu vor? 

Manchmal stelle ich mir vor, das Leben ist wie ein Spiel. Wortwörtlich. Dann ist das Leben hier auf der Erde wie ein Level, durch das wir gehen. Das wir bestehen wollen. Ein Kapitel von vielen. Vielleicht ein sehr herausforderndes, denn unser größter Endgegner sind wir selbst. Unser Dasein hier ist gerade im Körper eines Menschen. Um das Level zu meistern, müssen wir lernen, mit uns selbst klarzukommen - uns selbst kennenzulernen. Ähnlich wie in Computerspielen gibt es da draußen Hindernisse, Versuchung, Ablenkungen aller Arten, die uns dazu verführen, dass wir von uns selbst zu entfernen. In Momenten, in denen wir im Flow sind, in denen wir Dinge machen, die uns gut tun, hingegen sind wir innerlich eins.

Vielleicht ist unsere Aufgabe, dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Das setzt voraus, dass wir bei uns selbst anfangen. Wir sollten beobachten, was wir denken, wie unsere Gedanken die Welt verändern können - zum Guten wie zum Schlechten. Es liegt in unserer Verantwortung, nicht die Verantwortung abzugeben. Jede Minute, die wir neu entscheiden, wie wir drauf sind, handeln wir anders, reagieren wir anders, sprechen anders mit Menschen. Wir sollten unsere Talente hinterfragen und das größere Bild vor Augen entstehen lassen, als kleinteilig von einem Tag in den nächsten zu leben. Statt den Fokus auf das Scheitern zu richten, sollten wir schauen, wie es uns weiterbringt. Was wir daraus lernen und mitnehmen. 

Und so trivial ist es dann am Ende gar nicht mehr. Wir haben viel Entscheidungsmacht. Mehr als uns oftmals bewusst ist. Wir sollten unsere Fähigkeiten dazu nutzen, einen Mehrwert zu kreieren. Nicht indem wir anfangen, die Welt als Problem zu sehen, sondern als unsere Chance, das Level zu bestehen. Damit am Ende nicht nur man selbst gewinnt, sondern wir alle - und sich der Kreislauf schließt. Unser Job ist es, frei zu sein.